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Der Dyatlov-Pass-Vorfall …

Die ganzen westlichen, mysteriösen Zwischenfälle wie bspw. der Roswell-Vorfall 1947 sind für manche Menschen ja mittlerweile kalter Kaffee und schon so oft aufgebrüht worden, dass man kaum noch den Kaffee darin erkennen mag. Der Osten dagegen scheint noch so einige eigenwillige Vorfälle vorzuhalten. Der bekannteste ist wohl noch das Tunguska-Ereignis. Über einen Beitrag bei Ehrensenf [Dieses Webangebot ist nicht mehr verfügbar.] bin ich gestern auf einen weiteren Vorfall aus dem Jahre 1959 im russischen Uralgebirge aufmerksam geworden, der im Gegensatz zu den anderen Geschehnissen zunächst wenig spektakulär klingt, aber gleichwohl besonders mysteriös. Da es allerdings an guten deutschsprachigen Quellen zu dem Vorfall mangelt, habe ich aus den englischsprachigen Quellen (und einigen google-übersetzten russischen Quellen) eine Zusammenfassung der Ereignisse geschrieben. Auch wenn ich nach bestem Gewissen versucht habe mich an die Fakten zu halten und Spekulationen als solche gekennzeichnet habe, kann ich nicht ausschließen, dass auch schon manche der Quellen, die ich verwendet habe, Fehler in einer klaren Differenzierung gemacht haben.

Der Vorfall

Anfang des Jahres 1959 wurde in Jekaterinenburg (damals noch unter dem Namen Swerdlowsk) eine Gruppe für eine Skilanglauf-Expedition zusammengestellt, die den Berg Otorte im Ural zum Ziel hatte. Die Gruppe bestand aus 8 Männern und 2 Frauen:

  1. Igor Dyatlov, 23 Jahre (Student, Leiter der Expedition)
  2. Zinaida Kolmogorova, 22 Jahre (Studentin)
  3. Lyudmila Dubinina, 21 Jahre (Studentin)
  4. Alexander Kolevatov, 25 Jahre (Student)
  5. Rustem Slobodin, 23 Jahre (Student)
  6. Georgyi Krivonischenko, 24 Jahre (Absolvent)
  7. Yuri Doroshenko, 21 Jahre (Absolvent)
  8. Nikolai Tibo-Brinyol, 24 Jahre (Absolvent)
  9. Alexander Zolotarev, 37 Jahre
  10. Yuri Yudin

Zum überwiegenden Teil waren sie Studenten oder Absolventen des polytechnischen Instituts des Urals, die sich durch die Expedition einen besseren Abschluss Ihres Sportstudiums erhofften. Alle waren erfahrene Skilangläufer und Kletterer.

Am 25. Januar 1959 erreichte die Gruppe den Ort Iwdel mit dem Zug, um direkt im Anschluss per LKW weiter nach Vishay zu fahren, einer kleinen Siedlung vor den Bergen des Urals, die als Ausgangspunkt der Expedition dienen sollte. Von hier aus hatte die Gruppe einen ? km langen Marsch nach Nordwesten vor sich. Die Strecke war zu dieser Jahreszeit als Kategorie 3 eingestuft, die schwierigste. Am 27. Januar begann die Gruppe schließlich ihre Wanderung. Doch schon am darauffolgenden Tag musste Yuri Yudin die Gruppe wegen gesundheitlicher Probleme verlassen und kehrte wieder nach Vishay zurück. Er sollte der letzte sein, der die verbleibenen 9 Gruppenmitglieder lebend gesehen hatte.

Es war geplant, dass der Leiter der Gruppe Igor Dyatlov von Vishay an seinen Sportverein telegraphieren sollte, sobald die Gruppe von Ihrer Expedition zurückgekehrt war, was ursprünglich für den 12. Februar geplant war. Zunächst machte sich jedoch niemand Sorgen, als der 12. Februar ohne Nachricht von der Gruppe verstrich, da es häufig zu Verzögerungen bei solchen Expeditionen kam. Yudin sagte später außerdem aus, dass Dyatlov ihm vor seiner Umkehr mitgeteilt habe, dass er davon ausgehe, einige Tage länger als geplant für die Route zu benötigen. Am 20. Februar erwirkten schließlich einige Angehörige, dass das Institut eine Gruppe freiwilliger Studenten zusammenstellen ließ, die die vermisste Gruppe suchen sollte. Später beteiligten sich außerdem die Polizei und die Armee mit Hubschraubern und Flugzeugen an der Suchaktion.

Am 26. Februar fanden die Suchtrupps schließlich ein Zelt am Hang des Berges Kholat Syakhl, etwa 10 km südlich vom Otorten (siehe untere Abbildung, Position Z – die Bergspitze links davon markiert den Kholat Syakhl). Das Zelt gehörte der vermissten Gruppe, doch es war verlassen und größtenteils zerstört. Außerdem hatten die Mitglieder anscheinend ihre gesamte Ausrüstung hier zurückgelassen (Bild des Zeltes, wie es der Suchtrupp am 26. Februar vorfand).

kholat-syakhl

Schon das Zelt und dessen Fundort gaben erste Rätsel auf. Aus Tagebüchern der Gruppe, die in dem Zelt gefunden wurden, geht hervor, dass die Gruppe am 31. Januar nach Wanderung entlang des Flusses Auspii unten im geschützten Tal ein Versorgungslager errichtete (siehe obige Abbildung, Position V, grob geschätzt), um nicht die gesamte Ausrüstung mit in die Berge nehmen zu müssen. Nachdem man dort die Nacht verbrachte, machte man sich am 1. Februar auf in die Berge. Sinnvoll wäre nun gewesen das Gebirge durch den Gebirgspass (entlang der gestrichelten Linie) zu durchqueren, um in der folgenden Nacht die Zelte wieder in den schützenden Wäldern auf der Gegenseite zu verbringen. Stattdessen lief die Gruppe fast geradewegs den Kholat Syakhl hinauf und errichtete ihr Lager völlig ungeschützt an dessen Hang. In den Tagebüchern findet sich keine Begründung für diese eigenwillige Route. Eventuell hatte sich die Sicht durch einen Schneesturm derart verschlechtert, dass die Gruppe die Orientierung verlor und ihren Fehler zu spät bemerkte.

Bei der Untersuchung des Zeltes stellte sich zudem heraus, dass es von innen her an mehreren Stellen aufgeschlitzt worden war. Da das Zelt auch jederzeit über den normalen Ausgang hätte verlassen werden können, sprach alles dafür, dass die Gruppe das Zelt in großer Panik fluchtartig verlassen haben musste. Vom Zelt aus führten 8 oder 9 verschiedene Fußspuren, die durch Vergleich den Mitgliedern der Gruppe zugeordnet werden konnten, nach Nordosten geradewegs den Hang hinab, die jedoch nach 500 m endeten, da sie dort mittlerweile vom Schnee überweht worden waren.

Nachdem man jedoch der Richtung etwa einen weiteren Kilometer gefolgt war, fand der Suchtrupp direkt an der Baumgrenze unter einer mächtigen Kiefer die Leichen von Krivonischenko und Doroshenko (Position 4). Beide trugen bis auf etwas Unterwäsche keine Kleidung an sich. In unmittelbarer Nähe zu ihnen fanden sich die Überreste eines Feuers. Außerdem sah es so aus, als wäre jemand die Kiefer hinaufgeklettert. Bei der weiteren Suche fand man drei weitere Leichen auf dem Weg zwischen dem Lager und der Kiefer. 300 m von der Kiefer entfernt fand man den Expeditionsleiter Dyatlov (Position 3), 480 m entfernt Slobodin (Position 2) und 630 m entfernt Kolmogorova (Position 1). Die Suchtrupps berichteten, dass die Körperhaltung der Leichen vermuten ließ, dass sie versucht hätten zum Lager zurückzukehren. Auch sie trugen kaum Kleidung an sic. (laut den google-übersetzten, angeblich originalen Ausschnitten aus dem Untersuchungsbericht in Anna Matveyevas semifiktionaler Geschichte „Dyatlov pass“ waren die drei Mitglieder relativ warm gekleidet, nur ohne Schuhe gefunden worden; die ursprüngliche Aussage ist damit zumindest zweifelhaft)

Während die verbleibenden 4 Mitglieder weiterhin als vermisst galten, begann man die gefundenen 5 Leichen gerichtsmedizinisch zu untersuchen. Keine der Leichen wies eine äußere Verletzung auf außer einigen Schrammen irgendeine Verletzung auf; lediglich Slobodins Schädel hatte eine kleinere Fraktur etwa 17 cm lange Fraktur, was jedoch von den Gerichtsmedizinern als Todesursache ausgeschlossen wurde. Als offizielle Todesursache wurde bei allen 5 Personen daher Unterkühlung festgestellt. Der Tod war etwa 6 bis 8 Stunden nach ihrer letzten Mahlzeit eingetreten.

Erst am 4. Mai fand man auch die Leichen der 4 verbleibenden Mitglieder. Sie waren unter einer 4 Meter dicken Schneedecke 75m weiter ins Tal hinab begraben (Position 5). Sie waren etwas besser gekleidet, wobei sich ihre Kleidung teilweise aus Fetzen der Kleidung anderer Mitglieder zusammensetzte. Zolotarev trug Dubininas Pelzmantel, Dubininas Füße waren in Fetzen von Krivonischenkos Hose gehüllt. Während bei Kolevatov ebenso wie bei den anderen 5 Mitgliedern Unterkühlung als Todesursache festgestellt wurde, wiesen die anderen 3 schwerste innere Verletzungen auf. Tibo-Brinyols Schädel war regelrecht zertrümmert, Dubinina und Zolotarev hatten mehrere gebrochene Rippen. Auch sie wiesen jedoch keine keinerlei äußere Verletzungen auf, so als wären die Brüche durch eine starke Druckeinwirkung entstanden. Außerdem soll Dubininas Zunge gefehlt haben.

Theorien zum Vorfall

Eine Theorie, die die Polizei offiziell untersuchte, war die, dass Angehörige des Mansenvolkes die Gruppe angegriffen hatten, weil sie sich auf geheiligtem Boden befand. Die Theorie wurde jedoch schnell wieder verworfen, da es in diesem Gebiet keinen geheiligten Boden der Mansen gab und nichts rund um das Zelt oder um die Fundorte der Leichen auf die Anwesenheit weiterer Menschen schließen ließ. Der Fall wurde daraufhin nach wenigen Monaten wegen eines fehlenden Schuldigen eingestellt. Die Akten wurden zunächst vertraulich behandelt und schließlich in den 90ern veröffentlicht (einige wenige Teile sollen jedoch fehlen).

Der aufgebrachten Bevölkerung in der Region erklärte man, der Tod der Gruppenmitglieder sei auf eigene Fehler und eine schlechte Organisation der Expedition seitens des Sportvereins zurückzuführen. Doch es wirkt abseits jeder Logik, wieso 9 Menschen anscheinend mitten in der Nacht (das würde ihre spärliche Bekleidung erklären) bei geschätzten -30 °C Außentemperatur ohne ersichtlichen Grund in Panik ihr Zelt verlassen und ohne Ausrüstung 1,5 km den Berg hinunterlaufen sollten.

Daher stellten verschiedene Personengruppen in der Folge ihre eigenen Erklärungen für den Vorfall auf, die wie immer bei solchen Mysterien eine Bandbreite bis hin zur Involvierung von Außerirdischen aufweisen und deren ausführliche Erörterung hier nicht lohnt. Man kann jedoch zwei wesentliche Haupttheorien herausfiltern.

Die eine Theorie geht von militärischen Test aus. Diese Theorie stützt sich in der Hauptsache auf 3 inoffizielle Aussagen. Zum einen wollen die Angehörigen der Verstorbenen ausgesagt haben, dass sie bei der Beerdigung eine merkwürdige Orangefärbung der Haut und fast völlig ergraute Haare bei den Opfern bemerkt haben wollen. Weiterhin will ein Mitglied des Suchtrupps ausgesagt haben, dass er auf seinem Dosimeter eine erhöhte radioaktive Strahlenbelastung in der Gegend gemessen haben will. Daraufhin sollen die Leichen auf Radioaktivität hin untersucht worden sein, wobei einige Kleidungsstücke eine erhöhte Strahlung aufgewiesen haben sollen. Die Ergebnisse fehlen jedoch in dem endgültigen Bericht. Bei dieser Aussage stellt sich die Frage, wieso der Suchtrupp überhaupt ein Dosimeter mit auf die Suche nahm und wie hoch die angebliche Strahlung überhaupt war. Bei dem damals noch relativ lockeren Umgang mit radioaktiven Stoffen, mögen diese vielleicht schon von Anfang an in der Kleidung verarbeitet gewesen sein (bspw. in Farbstoffen), weshalb auch nur diese Kleidungsstücke die Radioaktivität aufwiesen. Und zu guter letzt wollen mehrere Augenzeugen orangefarbene Kugeln am Nachthimmel in der Zeit von Februar bis März gesehen haben. Eine Wandergruppe, die sich etwa 50 km von der Gruppe entfernt befand, will solch eine Erscheinung auch in jener Nacht in Richtung des Kholat Syakhl beobachtet haben und ein Mitglied des Suchtrupps berichtet von einer solchen Erscheinung am 31. März. Eine besonders große Häufigkeit von Meteoritenschauern in diesem Zeitraum könnte diese Erscheinungen erklären.

Die Frage ist auch, was für eine militärische Aktion den Vorfall verursacht haben soll. Selbst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion will niemand etwas von militärischen Tests oder einer Anlage in dieser Gegend wissen. Es scheint auch zweifelhaft, wieso in dieser öffentlich zugänglichen Gegend militärische Test durchgeführt werden sollten, wenn die Sowjetunion genügend Sperrgebiete dafür besaß. Auch wenn diese Theorie viele Befürworter hat, bleibt sie trotzdem irgendwie unbefriedigend und spekulativ.

Die andere Theorie besagt, dass sich oberhalb des Lagers am Kholat Syakhl eine Lawine gelöst habe, die die Gruppe unter sich begraben habe. Die inneren Verletzungen der drei Mitglieder könnten danach von den Schneemassen verursacht worden sein und das Zelt aufgeschnitten worden sein, weil der normale Ausgang zu diesem Zeitpunkt verschüttet war. Wenn sie sich jedoch alle aus dem Zelt befreien konnten, stellt sich die Frage, wieso dann keine Zeit mehr dafür war, die überlebensnotwendige Kleidung mitzunehmen. Wenn sich außerdem die Verletzungen bereits oben am Zelt ereignet haben, stellt sich die Frage, wieso gerade die verletzten Mitglieder (Tibo-Brinyol hätte der Schädelfraktur zur Folge bewusstlos sein müssen) den weitesten Weg vom Zelt zurückgelegt haben. Auch diese Theorie weist also Widersprüche auf.

Quellenangaben